100 Jahre SPD Ortsverein Bremervörde

Der Weg zur Mehrheitspartei, Opposition und neue Anforderungen durch die deutsche Einheit

Nach ihrer Neugründung 1945 widmete sich die SPD den unmittelbaren Nöten der Bevölkerung, die durch den Zustrom zahlreicher Flüchtlinge gewachsen war. Kleidung, die die Mitglieder der wiedererstandenen „Nähstube“ der Arbeiterwohlfahrt angefertigt hatten, sowie Lebensmittel, die in den USA gespendet worden waren, wurden an Kinder, Alleinstehende und an Familien verteilt. „Täglich“, so heißt es in einem Bericht des „Hamburger Echo“ vom 3. Februar 1948, „erscheinen in den Geschäftsräumen der Arbeiterwohlfahrt und der SPD entlassene Kriegsgefangene in zerlumpten Kleidern, nachdem sie beim Wirtschaftsamt vergeblich um einen Bezugsschein vorstellig geworden waren.“
Zu jener Zeit hatte der SPD-Ortsverein eine eigene Geschäftsstelle, die sich in einem heute nicht mehr existierenden Haus an der Ecke Brackmannstraße/Neue Straße befand. Auch im Stadtrat setzten sich die Sozialdemokraten dafür ein, „soziale Härten zu mildern und die Interessen der Flüchtlinge und Minderbemittelten zu wahren.“ Als Beispiele hierfür werden u. a. die „Beschaffung von Schulheften“ für Kinder sowie die „Erlassung der Leihgebühr für Möbel aus städtischen Beständen“ erwähnt. („Hamburger Echo“ vom13. Februar 1948).

Die SPD machte sich ferner stark für die Einrichtung der Seemannsschule in einem nicht mehr genutzten Jugendheim (heute Christliches Jugenddorf), den Erweiterungsbau der Volksschule (Mitte) sowie für die Schulneubauten in Engeo. Sie versprach sich von den Schulneubauten auch den Zuzug von Lehrern. Neu zugezogene Lehrer, mehr Schüler und ein erweitertes Bildungsangebot würden, so hoffte man, neue Impulse für die Entwicklung Bremervördes bedeuten. Bei der Verwirklichung dieser Vorhaben galt es im Stadtrat starke Gegenkräfte zu überwinden, die oft auf engstirniger Krämermentalität beruhten, in der Furcht nämlich, dass infolge der baulichen Entwicklung der Stadt, z.B. in Engeo, geschäftliche Konkurrenz entstehen könnte.

Mit der Übernahme des Bürgermeisteramtes durch Wilhelm Reitmann am 12. Oktober 1964 gelang es der Bremervörder SPD, die bauliche und soziale Entwicklung der Stadt voran zu treiben. Städtische Einrichtungen wie Kindergarten, Schwimmbad, Realschule und Kläranlage wurden neu gebaut bzw. erweitert. Darüber hinaus galt es, Gewerbetreibende im neu geschaffenen Industriegebiet anzusiedeln. Am 27. September 1968 wurde der Grundstein für die ersten 30 Wohnungen des AWO - Seniorenzentrum in Bremervörde Nord gelegt. Bürgermeister Reitmann verstand es, diese Politik auf freundliche, den Menschen zugewandte Art zu verkörpern.


Wilhelm Reitmann anlässlich einer Sportlerehrung

So war es nicht verwunderlich, dass die SPD bei der Kommunalwahl 1968 ihre Stimmenzahl erheblich steigern konnte und nunmehr mit 10 von 17 Sitzen im Stadtrat über die absolute Mehrheit verfügte. 1972 erzielte sie noch einmal ein hervorragendes Wahlergebnis: 3.641 von 6148 gültigen Stimmen ergaben 16 von 27 Stadtratssitzen.

Hiermit war es am 1. März 1974 nach der Bildung der Einheitsgemeinde Bremervörde vorbei. Zur Stadtratswahl am 9. Juni 1974 stellte die SPD an vorrangig ihre erfolgreichen Bemühungen um den Bau des Seniorenzentrums der Arbeiterwohlfahrt heraus. Ferner hob sie hervor, dass sie für die Erschließung des Industriegebiets war – die CDU hatte dagegen gestimmt – und sich um die Ansiedlung von Gewerbetreibenden bemühte. Im Wahlergebnis zeigte sich aber deutlich das politische Gewicht der eingemeindeten Ortschaften. Die CDU konnte 18, die SPD aber nur 15 Sitze erringen. Von den 18 CDU-Vertretern kamen allein 13 aus dem Umland. Bei der nächsten Stadtratswahl im Jahr 1976 konnten die Sozialdemokraten einen Sitz hinzugewinnen, so dass sie nun 16 Sitze gegenüber 17 der CDU aufwiesen. Trotz dieser Sitzverteilung gelang Wilhelm Reitmann, der 1974 von der CDU – Mehrheit abgewählt wurde, ein politisches Comeback. In geheimer Abstimmung siegte er mit 17 gegenüber 16 Stimmen für den CDU-Bürgermeister Heinz-Wilhelm Bargmann.

Dieses Überraschungsergebnis wiederholte sich 1981 nicht. Bundespolitischer Gegenwind aus Bonn machte sich auch in Bremervörde bemerkbar. Der Streit um den Bau weiterer Atomkraftwerke und die einsetzende Diskussion um die NATO-Nachrüstung mit der geplanten Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa machte der sozialliberalen Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt schwer zu schaffen und läutete deren Ende im September 1982 ein. In Bremervörde wurde der CDU-Spitzenkandidat Hans-Heinrich Hey neuer Bürgermeister. Obwohl Wilhelm Reitmann 15 Jahre lang die Stadt als Ratsvorsitzender vertreten hatte, wurde er als stellvertretender Bürgermeister von der konservativen Mehrheit nicht akzeptiert. Mit ihrer absoluten Mehrheit setzte die CDU ihre eigenen Kandidaten durch und durchbrach damit eine Tradition, die in Bremervörde viele Jahre lang Bestand gehabt hatte.

In den Jahren nach der Kommunalwahl-Niederlage setzte sich allmählich ein umfassender Generationenwechsel durch. Karl Heinz Reineke stellte sich als Vorsitzender des Ortsvereins nicht wieder zur Wahl. Als Nachfolger wurde am 12. Oktober 1981 der bisherige Stellvertreter Ludwig Althaus gewählt. Zur Fraktionsvorsitzenden wurde am 13. Dezember 1984 Margret Althaus gewählt, womit ihr auch die Rolle der Spitzenkandidatin für die nächste Stadtratswahl zufiel. Die zahlenmäßige Sitzverteilung nach dieser Wahl am 5.10.1986 war aus sozialdemokratischer Sicht allerdings enttäuschend: CDU 19, SPD 12, WFB und Grüne je einen Sitz. Die Rolle als Oppositionspartei war damit wieder festgeschrieben.

1990, im Jahr der Wiedervereinigung bestand der Ortsvereinsvorstand aus dem 1. Vorsitzenden Bernd Böttcher, seinen beiden Stellvertretern Peter Meinke und Rainer Hartmeyer, sowie der Schriftführerin Corinna Imbusch und dem Kassierer Heinrich Tiedemann. Neben dem kommunalpolitischen Tagesgeschäft wurde die Bremervörder SPD wie die Gesamtpartei der alten Bundesrepublik beim Aufbau demokratischer Strukturen in den neuen Bundesländern gefordert. Anders als CDU und FDP, die durch Aufnahme der ehemaligen Blockparteien Ost-CDU und LDPD einen Mitgliederstamm und Parteieinrichtungen übernehmen konnten, mussten, die 1946 mit der SED zwangsvereinigte SPD und die Grünen neue Parteistrukturen in Ostdeutschland aufbauen.
Nachdem am 27. Juni 1990 der Stadtrat die Aufnahme einer Städtepartnerschaft mit der vorpommerschen Stadt Barth beschlossen hatte, war man sich auch im Ortsverein Bremervörde einig, die Menschen in der neuen Partnerstadt bei der Vorbereitung auf die anstehenden Wahlen und beim Umbau der Gesellschaft zu unterstützen.


Ortsvereinsvorstand 1990, v.l.n.r: Rainer Hartmeyer, Peter Meinke, Bernd Böttcher, Corinna Imbusch, Heinrich Tiedemann

Am 10. und 11. September 1990 reisten ca. 35 Personen, darunter Ratsmitglieder, Vertreter der Verwaltung und Feuerwehrleute, an den Barther Bodden, um die Partnerschaftsurkunden auszutauschen. Als Partnerschaftsgeschenk wurde ein von der Bremervörder Feuerwehr ausgemusterter Leiterwagen mitgebracht, der vorher mit Reparaturleistungen von etwa 8.000,-- DM wieder einsatzfähig gemacht wurde. Um weitere Teile der Bevölkerung in die neu entstandene Städtepartnerschaft einzubeziehen, wurde vom 2. auf den 3. Oktober 1990 auf dem Markt- und Messegelände ein Treffen für Bremervörder und Barther Bürger veranstaltet. Die für den Transport benötigten Busse wurden von der Stadt gestellt und bezahlt, die Übernachtungsmöglichkeiten von Bremervörder Bürgern. Kosten für das Festzelt und das Vereinigungsfeuerwerk wurden zum Teil von Sponsoren übernommen.


Die Bremervörder Delegation vor dem Rathaus in Barth

Der Bremervörder Ortsverein unterstützte im Sommer 1990 die SPD – Kreisgeschäftstelle Neustrelitz, indem er den Druck von Flugblättern für den ostmecklenburgischen Kommunalwahlkampf übernahm. Nachdem die Städtepartnerschaft mit Barth feststand, engagierte man sich 1994 im dortigen Kommunalwahlkampf mit der Übernahme von Druckkosten für Kandidatenflyer und Plakate. An einem Juni-Wochenende in diesem Jahr reiste eine Abordnung des Ortsvereins Bremervörde nach Barth und unterstützte die dortigen Genossinnen und Genossen bei der Verteilung dieser Flyer im Straßenwahlkampf. Diese praktizierte Solidarität wurde von der Barther SPD dankbar entgegengenommen und brachte den Bremervörder Sozialdemokraten wiederholte Einladungen nach Vorpommern u. a. zu den Pommerschen Kulturtagen im August 1995.

Den Vorsitz der SPD-Bremervörde übernahm im Jahr 1998 Hans-Klaus Genter-Mickley von seinem Vorgänger Günther Justen-Stahl. Alle zwei Jahre wieder gewählt, ist er auch heute noch Vorsitzender der ältesten politischen Partei unserer Stadt. Schwerpunkte der Partei in den vergangenen Jahren waren u. a. die Stadtentwicklung, die Verbesserung der Anbindung Bremervördes an den öffentlichen Nahverkehr, die Ortsumgehung sowie die Anbindung an die A 22, die Durchsetzung eines Ortsrats für die Kernstadt Bremervördes und nicht zuletzt die Schulentwicklung. Gerade in diesem Bereich gab es, wie beschrieben, auch in früheren Zeiten Widerstände zu überwinden. Bremervörder Sozialdemokraten werden auch in Zukunft für gleiche Bedingungen bei der Kinderbetreuung und in der Schulbildung eintreten – unabhängig von der sozialen bzw. räumlichen Herkunft der Kinder und Jugendlichen. (LL)